FemCo-Forum "Die Quoten", 6. November 2004
Inputreferat von Angela Zimmermann, ZOff! Zürcher Offensive – Frauen gegen Rechts

Ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung bedanken. Ihr brachtet uns ZOff!-Frauen ganz schön ins Rotieren, da wir uns, obwohl schon lange vorgesehen, bis jetzt noch nie gemeinsam mit dem Thema Quoten beschäftigt hatten. Dieses Forum heute hat uns nun den Anstoss dazu gegeben und wir haben die "Quoten-Frage" an unserer letzten Sitzung zum Hauptthema gemacht.

Betroffenheit 10. Dezember

Wie ihr vielleicht wisst, ist ZOff! am letzten 10 Dezember entstanden. Wir jungen Frauen in Zürich waren entsetzt, dass während des ganzen Wahlmorgens und zuvor über Konkordanz in Bezug auf die Parteien und Regionen gesprochen wurde, aber (so gut wie) kein Wort über die Geschlechterfrage verloren wurde! Dazu kam noch die unglaubliche Arroganz im Auftreten und ein frisch gewählter Bundesrat, der dazumals gegen das Frauenstimmrecht war und heute grossmundig davon spricht, er könne die (jungen) Frauen ebenso gut vertreten wie eine Frau.
Nach einigen euphorischen Wochen nach den Wahlen, in denen man sich als Feministin umzingelt sah von Gleichgesinnten, bläst nun wieder ein härterer Wind. In den Medien ist mit schöner Regelmässigkeit - ob im Tagesanzeiger-Magazin, in der Weltwoche oder in der Annabelle - ein backlash auszumachen. Stichworte: der Wirtschaft gehts schlecht, Eigenverantwortung ist angesagt, „Feminismus ist out, da vermeintlich nicht mehr notwendig“, „oh wir armen Männer“.

Quotierung pro und contra

Leider kann ich Euch nichts Neues erzählen. Auch wir "jungen" Frauen stehen der Quotierung ambivalent gegenüber. Wir haben bei ZOff!! niemanden, der grundsätzlich gegen jede Art von Quoten ist. Wir sind uns bewusst, vor allem seit dem letzten Dezember, dass sich die Gleichstellung nicht einfach stetig – wenn auch langsam – verwirklichen wird. Andererseits haben wir sehr unterschiedliche Meinungen, welche Quoten denn nun angebracht wären. In der Politik finden die meisten Listenquoten angebracht – keine 50%, aber mind. Drittels-Quoten. Im Beruf fänden wir "Positive Massnahmen" wichtig und zwar im Sinne der "vorrangigen Berücksichtigung bei gleichwertiger Qualifikation".

Das Problem ist, dass diese Massnahme vor allem im oberen Kader nicht zum Erfolg geführt hat. Erstens sind die Kriterien der Qualifikation zu wenig transparent und zu wenig nach sachlichen bzw. nach weiblichen Biographien entsprechenden Kriterien definiert.

Zweitens reichen Quoten als alleinige Massnahme nicht aus. Nehmen wir das Beispiel eines Klinikdirektors, da ich am Mittwoch gerade an einer Tagung war zur geschlechterdifferenzierten Nachwuchsförderung in der Medizin (es hat nur 6% Professorinnen in der Medizin!). Diese Klinikdirektoren geben zu, total überfordert zu sein (Forschung, Klinikleitung, Patientenbetreuung), obwohl sie wahrscheinlich eine tüchtige Ehefrau im Hintergrund haben. Wie soll eine Frau dies schaffen können, die, abgesehen davon, dass sie noch immer gegen ungeheuer viele Vorurteile ankämpfen muss, wahrscheinlich keinen 100% Hausmann im Hintergrund hat, der die ganze Kinderbetreuung und das "Socializen" übernimmt.

Ich denke daher, dass es nichts bringt, allein für Quoten zu kämpfen, ohne die Strukturen zu verändern, d.h. dass in den obersten Etagen Aufgabenteilung eingeführt werden muss und überlegt wird, wer zu Hause in die Lücken der Frauen springt. Dazu ein Zitat von Frigga Haug:
Eine realistische Quotenpolitik braucht demnach nicht nur Regeln, Leitlinien, Vorschriften, wie Frauen ein Platz in männlich besetzten Domänen gewährt werden soll, sie braucht auch eine Strategie, wie die von Frauen bislang besetzten Plätze gesellschaftlich ausgefüllt werden sollen.
(Frigga Haug, Frauenpolitiken, 1996, 44)

Hier noch einige Gedanken zu ein paar Stichworten zum Thema Quoten:

Kompetenz/Leistung
Dieses Argument ist, wie wir alle hier drinnen wissen, kein Argument und mit dem Beispiel des bekanntesten Mannes der Erde – Bush – auch gleich ganz simpel zu widerlegen. Er ist ja offensichtlich nicht der Beste. Zudem ist "Leistung" bzw. die Vorstellung davon, was Leistung ist, auch immer etwas gesellschaftlich, also männlich definiertes.

"Quotenfrau"
Der "Defizit-Ansatz", also dass davon ausgegangen wird, dass Frauen Hilfe brauchen, und die damit einher gehende Fixierung auf das Geschlecht, wird von vielen als problematisch angesehen. Da es ein demonstratives Mittel ist, reproduziert es Geschlechterdifferenz. Es macht also da das Geschlecht zum Thema, wo es eigentlich keines sein sollte. Ich denke aber, dass das Argument der "Quotenfrau" nur vorher - also zum Beispiel in einem Abstimmungskampf – von Bedeutung ist, später fragt niemand mehr danach, ob sie eine "Quotenfrau" war oder nicht.

"Opferrolle"
Hier besteht eine neue Ausganslage: Nicht zuletzt die jungen Frauen wehren sich vehement gegen Quoten. Es ist ja eigentlich schön, dass junge Schweizer Frauen bis sie das erste Kind haben, oder in die Berufswelt einsteigen, oft keine explizite Diskriminierung mehr erfahren. Sie wollen daher nichts wissen von der Opfer-Rolle, der Frau, der geholfen werden muss. Mit Quotenforderungen spricht man tatsächlich die Mehrzahl der Frauen aus diesem Grund nicht an, ob wir das total daneben finden oder nicht – es ist so.
Ich finde, das ist eine Problematik, mit der wir uns heute an dieser Tagung auseinandersetzen müssen.

Chancen der Politischen Umsetzbarkeit
Einerseits sieht ZOff! seine Aufgaben im ausserparlamentarischen Bereich und mit anderen Mitteln (darauf komm ich später zurück), andererseits sind wir sehr pessimistisch, was die politische Umsetzbarkeit im Moment betrifft.

Ich kann das vielleicht anhand eines Beispiels aus meinem Umfeld veranschaulichen. Ich bin seit zwei Jahren im Studierenden Parlament der Universität Zürich. Reingekommen bin ich durch die damalige Listen-Quotenregelung, die bei 50% lag (es gab zu wenig Frauen, darum wurde ich angefragt). Letztes Jahr wurde die Quote auf den Listen von 50% auf 30% heruntergesetzt (mit dem Argument eine "muss"-Formulierung sei verfassungs- und völkerrechtswidrig, wir seien doch jetzt nicht mehr in den 70er Jahren und das Ziel sei ja nun erreicht). In den Kommissionen wurde die Quote auf mind. einen Drittel festgelegt.

Es war auffallend, dass die meisten (alles Leute Anfangs 20) sich offensichtlich noch nie mit diesem Thema beschäftigt hatten und mit dem altbekannten Argument kamen, dass Quoten doch dem Gleichheitsgedanke widerspreche, dabei die jahrhunderte lange Diskriminierung einfach ausblendend. Dieser Backlash scheint mir den Zeitge sehr schön widergespiegelt. Es braucht eine erneute Debatte über das Thema.

Es wird sich jetzt im Dezember bei den nächsten Wahlen herausstellen, was diese Herabsetzung der Quotenrelgelung für Auswirkungen hat. Ich habe gestern mit einer Verantwortlichen gesprochen, die sehr gender-sensibilisiert ist, mir aber eingestanden hat, dass sie bei der Listenzusammenstellung vergessen hatte, abwechselnd Frauen und Männer aufzuführen bzw. überhaupt gezielt Frauen anzufragen. Sie musste darauf aufmerksam gemacht werden. Ich denke, das beweist ganz eindeutig, dass Quoten für eine lange Übergangszeit Bestand haben müssen. Die Leute müssen sich an Frauen in der Politik oder in Kaderpositionen gewöhnen.

Unsere Einschätzung, wie man Frauen dazu bringt, in die Politik zu gehen
Zuerst einmal möchte ich einige Bemerkungen zur Frage machen. Ich denke, heutige junge Frauen, zumal die Studentinnen in meinem Umfeld, erleben eine andere Ausgangslage als die Frauen der 68er Bewegung, die sich als Zudienende empfunden haben. Wie gesagt sind wir im Studierenden Parlament 50% Frauen oder mehr, die Präsidentin ist eine Frau, in diversen Fachvereinen sind Frauen sehr aktiv, und das geschlechtergemischte Aktionskomitee gegen höhere Studiengebühren, das vor zwei Jahren fast 3000 Studierende zu einer Demo mobilisieren konnte, haben Frauen initiiert, geführt und die Medienarbeit gemacht. Nicht zuletzt politisieren wir nun bei ZOff! (mittlerweile 25 aktive) seit einem Jahr, in engem Kontakt mit der Zürcher Frauenkoordination, unter sehr engagierten Frauen.

Verhalten/Rollenbilder
Allgemein denke ich aber, dass wir in einem sehr wertkonservativen Land leben und sich die Verhaltensmuster und Wertvorstellungen sehr langsam ändern. Zum Beispiel haben Frauen noch immer zu wenig Selbstvertrauen und setzen sich im Gespräch zu wenig durch. Ich habe vorher von dieser Tagung gesprochen. Es sassen alles erfolgreiche Frauen und Männer um einen runden Tisch und was ich beobachtet habe, kennen Sie alle: Die Männer sprechen mehr und in einer selbstgerechteren Haltung, die Frauen schauen Männer an, wenn sie ein wirklich wichtiges Anliegen platziert wissen wollen und vor allem sprechen Männer einfach drauf los während die Frauen schon 10 Minuten am Aufstrecken waren. Wie kann den Frauen mehr Selbstvertrauen anerzogen werden?

Wie wählen Frauen mehr Frauen?
Eine weitere Frage ist, wie wir Frauen dazu bringen, mehr Frauen zu wählen. Ich bin überzeugt, dass Frauen zu wenig an sich selber glauben, und darum auch anderen Frauen weniger zutrauen. Hier stellt sich schon die nächste Knacknuss: Wie bringen wir Frauen dazu, mehr abstimmen zu gehen?

Mangelnde Ressourcen
Natürlich liegt es auch an den mangelnden Ressourcen der Frauen. Wir müssen die Kinderbetreuungseinrichtungen massiv verbessern, unsere Partner die Hausarbeit überlassen, für gleiche Löhne kämpfen etc.

Strategie
Ich denke, es ist am besten, auf allen Ebenen zu kämpfen. Es braucht Gruppen wie Frauenstreik, Femmes en Colère oder ZOff! genauso, wie es Gleichstellungsbüros braucht, oder Vereine, die eine Initiative lancieren.

Betätigungsfeld ZOff!
Im Moment möchte sich ZOff! mit ausserparlamentarischen, zoffigen Aktionen und weniger mit parlamentarischen Vorstössen oder Initiativen für massiv bessere Betreuungsstruktuuren und Tagesschulen, gleichen Lohn und ein anderes Rollenbild einsetzen und - nicht zu vergessen - dem zweiten Teil des Namens gerecht werden. Wir wollen genauso sehr gegen den Rechtsrutsch kämpfen, auch hier unter einer geschlechterdifferenzierten Perspektive.